(Novelle,1903)
Handlung
Die Hauptfigur der Erzählung ist der Schrifsteller Tonio Kröger, Künstler mit bürgerlichem Hintergrund, Sohn des korrekten und wehmutigen Konsul Krögers und der aus südlicher Abstammung feurigen Consuelo.
Thomas Mann schildert die Einsamkeit und die Leiden eines Kindes und jungen Mannes, der zwischen dem bohemischen Leben der Kunst und der lebensbejahenden - aber doch oberflächlichen und banalen Welt des Bürgertums und dessen Einfachheit steht und sich nirgendwo daheim fühlt. Die Sensucht nach der Welt der "Blauäugigen und Blonden" wird in den zwei einleitenden Kapitel durch die unglückliche Liebe zu Hans Hansen und Ingeborg Holm beschrieben.
Nach dem Tod seines Vaters nimmt er seine Tätigkeit als Schriftsteller auf und führt ein wildes Leben im bohemischen Milieu im Süden.
Im zentralen Kapitel 4, dem fast essayistischen Gespräch mit der russichen Malerin, seiner vertrauten Freundin Lisaweta Iwanowna, wird die Rolle der Kunst und das Sein des Künstlers besprochen. Der Schaffende dürfe nicht empfinden, sagt Tonio Kröger; eine Vorraussetzung für gute Kunst sei nähmlich Distanz zum Leben. Gefühl und Intellekt werden also als polare "Geisteszustände" besprochen.
In den letzten fünf Kapiteln wird Tonio Krögers Reise nach seiner Heimatstadt und weiter an den dänischen Ostsee geschildert, wo er sich mit seiner bürgerlichen Abstammung, die er als Schriftsteller so verachtet und bespöttelt hat, auseinandersetzt. Er versteht, dass die Synthese zwischen Künstlertum und seiner Liebe zu den "Blauäugigen und Blonden" der Ursprung grosser Kunst ist.
"Tonio Kröger ist die schlechteste Erzählung, die in diesem Jahrhundert in deutscher Sprache geschrieben wurde." (Martin Walser, 1975)
Das Opus ist jedoch auch als eins der meistdurcharbeiteten Werke Thomas Manns und eine vollkommene Beispiel langer Novellen charakterisiert.
Tonio Kröger ist teilweise fiktiv, teilweise selbstbiographisch.
Die höchst unterschiedlichen Ansichten über die Erzählung sind nicht zuletzt eine Folge davon, dass die Erzählung von vielen verschiedenen Aspekten betrachtet werden kann, obwohl der zentrale Konflikt der Erzählung schon im ersten Kapitel ganz klar dargestellt und immer wieder wiederholt wird: Das Verhältnis des Künstlers zum Leben.
Persönliche Meinung
Persönlich fand ich die Novelle beim ersten Durchlesen sehr schwierig zu verstehen. Auf sprachliche Schwierigkeiten bot eigentlich nur das vierte Kapitel. Thomas Mann verwendet aber in seiner Erzählung eine sehr bunte Sprache voller Symbolik und Metaphern. Beispiel: "Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden erschien, zu deren Dienst er sich berufen fühlte, und die ihm Hoheit und Ehren versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewuBten und stummen Leben thront." (Kap.3, S.25) Oder kurz und einfach gesagt: Er wurde Schriftsteller! Dieses fordert einen sehr aufmerksamen und geduldigen Leser.
Der Erfolg war desto gröBer, als ich sie zum zweiten Mal zu Ende gelesen hatte.
Dann habe ich verstanden, dass Tonio Kröger eine Identifikationsfigur für alle sein kann, die es für schwierig oder unmöglich halten, einen Platz in unserer chaotischen Gesellschaft zu finden. Es gibt viele Leute, die irgendwie auf Irrwegen sind oder etwas besser verstanden haben, als die meisten Leute, und deswegen mehr leiden, als andere.
Kapitel 4 ist und bleibt aber die sprachliche Herausforderung.
Eine sehr raffinierte Novelle und schöne Geschichte, die nicht ganz wörtlich zu verstehen ist und unbedingt mehrmals gelesen werden muss!
Literatur
Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1987
Verdens Litteraturhistorie - Bind 10. J. W. Cappelens Forlag, 1973
Bengt Algot Sørensen: Geschichte der deutschen Literatur - Band 2. Verlag C. H. Beck, München 1997
Vorlesungen: Prof. H.J. Sandberg Okt. 1998
Links
Tonio Kröger
Lebenslauf